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MISHA MENGELBERG & HAN BENNINK

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joergkoenig1 (ät) gmx.net
Datum
12´21
Layout
fRANKb
Lektorin
cHRISTIANEb

DAS NIEDERLÄNDISCHE ICP-DUO:

MISHA MENGELBERG

HAN BENNINK

(Piano, *1935  +2017)

(Schlagzeug, *1942)

PROGRAMMLOSIGKEIT ALS PROGRAMM

Klavier und Schlagzeug – Eine ideale Kombination

Bis zur Entwicklung des Bebop ab ca.1940 waren Klavier und Schlagzeug im Jazz – neben Gitarre und Kontrabass – stets Teil der Rhythmusgruppe. Als der Schlagzeuger Kenny Clarke Ende der 30er Jahre begann, die „Time“ also den fortlaufenden Takt, statt auf der Bass-Drum mit der rechten Hand auf dem großen oberen Becken zu spielen, war es ihm möglich, mit der linken Hand selbstständige rhythmische Figuren dagegenzusetzen. Damit erhielt das Schlagzeug ganz neue Möglichkeiten: Polyrhythmik, größere Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich Melodie und Klangfarbe, Interaktion mit den Solisten und Solo-Spiel. Auch das Piano bekam neue Funktionen: Pianisten wie Thelonious Monk und Bud Powell „befreiten“ ihr Instrument, indem sie häufig alterierte Akkorde verwendeten und Intervalle, Akkorde und Einzeltöne im „Off beat“, also rhythmisch versetzt, einwarfen und so zu gleichberechtigten Spielern und vor allem zu Solisten wurden. Die Improvisationen wurden offener, fließender, wenn auch natürlich noch nicht „frei“.

Ein nicht ganz typisches, aber dennoch herausragendes Beispiel für das Zusammenspiel von Klavier und Schlagzeug im Bebop ist Un Poco Loco des Bud Powell Trio mit Max Roach am Schlagzeug von 1951.

Oder auch Bemsha Swing von Thelonious Monk, ebenfalls mit Max Roach von 1952.

Viel später, 1979, spielte Roach mit dem Free-Jazz-Pianisten Cecil Taylor zwei Konzerte, die 1984 auf dem legendären Doppelalbum Max Roach and Cecil Taylor Historic Concerts veröffentlicht wurden und zeigen, welche immense Power in der Kombination dieser beiden Instrumente liegen kann.

Klavier und Schlagzeug – Holländische Version

Der Pianist Misha Mengelberg und der Drummer Han Bennink spielten über einen Zeitraum von über 50 Jahren, vonAnfang der 60er Jahre bis zu Mengelberg’s krankheitsbedingtem Rückzug aus dem öffentlichen Musikleben 2013 im Duo, in unterschiedlichen großen und kleinen Formationen, seit den 80er Jahren in dem von ihnen gegründeten ICP -Orchestra zusammen. Untrennbar mit ihnen verbunden ist der Name ICP (Instant Composers Pool) für die von ihnen und Willem Breuker 1967 gegründete Musiker-Kooperative, das Plattenlabel und als Überbegriff für ihre Gruppen.

Es würde ein ganzes Buch füllen, wollte man der Gesamtheit ihrer Aktivitäten auch nur annähernd gerecht werden. Deshalb gehe ich hier nur auf ein paar ihrer Duo-Aufnahmen, auf die LP Last Date von Eric Dolphyvon 1964, die Trio-Platte 3 points and a mountainmit Peter Brötzmann von 1979 und von den vielen Veröffentlichungen des ICP-Orchestra nur auf die beiden CD’s Bospaadje Konijnenhol 1 & 2 von 1990 ein.

Quelle : jazztokyo.org
Quelle : djdmac.com

Eric Dolphy: Last Date (LP, 1964)

Eric Dolphy, einer der führenden Avantgardisten im Jazz der späten 50er- und frühen 60er Jahre, war Multi-Instrumentalist. Neben Alt-Saxophon und Flöte war es vor allem die Bass-Klarinette, die er völlig neu definierte: Er verlieh ihr Qualitäten, die einer menschlichen Stimme nahekamen. Sein Spiel, im Bebop wurzelnd, aber weit darüber hinausgehend, war glasklar, enorm expressiv, fließend und sperrig zugleich.

Da es für Jazz-Musiker damals aus finanziellen Gründen schwierig war, mit einer festen Gruppe auf Tournee zu gehen, war es oft üblich, daß sie alleine tourten und mit wechselnden, lokalen Begleitmusikern; ohne Möglichkeit längerer Proben, auftraten. So auch Eric Dolphy, als er 1964 nach einer Europa-Tournee mit Charles Mingus noch einige Konzerte dort gab. In den Niederlanden waren seine Begleitmusiker der Pianist Misha Mengelberg, der Bassist Jaques Schols und der Drummer Han Bennink.

Das auf Last Date dokumentierte Konzert beginnt mit der Thelonious Monk-Komposition Epistrophy. Insbesondere zwischen Dolphy`s Bassklarinette und Mengelberg`s Klavier entwickelt sich eine dichte, inspirierte Interaktion; beide sind an den im Hard Bop üblichen Floskeln und Klischees nicht im mindesten interessiert. Sie loten die harmonische und melodische Struktur der Komposition bis an die Grenzen aus. Die Zeit des Aufbruchs zu Neuem ist da.

Dolphy’s Altsaxophon-Solo in seiner Bebop-artigen Komposition Miss Ann besteht aus abgehackten, schnellen, unruhigen Phrasen; überwiegend im hohen Register des Intruments gespielt. Es ist pure Avantgarde. Am Ende spricht er die Sätze: „When you hear music and it’s over, it’s gone in the air. Youcannever catch itagain.“

Es ist seine letzte Aufnahme. Dolphy starb am Ende desselben Monats; Juni 1964, unerwartet in Berlin.

Avantgarde: Fluxus und Free Jazz

Bevor ich einen Sprung ins Jahr 1974 mache, ist es wichtig, ein paar entscheidende Vorgänge kurz zu skizzieren.

Mengelberg und Bennink waren in den Niederlanden Mitte der 60er Jahre als Jazzmusiker etabliert. Das Misha Mengelberg Quartett spielte immerhin auf dem renommierten Newport-Jazzfestival. Mengelberg begegnete in seiner Zeit am Konservatorium – er studierte Komposition und Musiktheorie – John Cage und schloss sich Fluxus an; einer avantgardistischen Bewegung von Künstlern, die sich dem Kunstbetrieb und den etablierten Kunstrichtungen und -praktiken radikal verweigerten und die Programmlosigkeit zum Programm erhoben. Mengelberg spricht darüber mit Peter Niklas-Wilson:

„… Fluxus war mir viel näher (als Cage). Das fand ich interessant. Für mich war das das erste Mal, das ich das Gefühl hatte, daß das, was ich da musikalisch an Sinn und Unsinn versuchte, dass es da überhaupt noch andere Leute auf der Welt gab, die derartige Sachen taten und zur Sprache brachten…“

Er stellt auch eine Beziehung zu Dada her:

„… Dada fand ich immer die geistvollste Strömung, die es in diesem Jahrhundert gab…“

(Beide Zitate aus Peter Niklas-Wilson: Hear and Now – Gedanken zur Improvisierten Musik, Wolke Verlag)

Auch der Wuppertaler Saxophonist, Klarinettist und Graphiker Peter Brötzmann, wie Mengelberg und Bennink ein entscheidender Wegbereiter des europäischen Free-Jazz und seit jeher einer der polarisierendstenMusiker überhaupt, war eng mit der Kunst – Avantgarde verbunden, arbeitete mit dem koreanischen Fluxus-Künstler Nam June Paik zusammen:

„ …Von Nam June Paik lernte ich, daß es in  der Kunst darum geht, eine eigene Sprache zu finden. Man muß eine Vision haben und versuchen, dieser so nahe wie möglich zu kommen … “

(Zitat aus Niklas Wilson – Hear and Now)

Die entscheidenden Impulse für die Entwicklung einer eigenständigen Improvisationsmusik kamen also nicht aus dem Jazz, sondern von der neuen, revolutionären Gedankenwelt und der Anti-Establishment-Haltung der damaligen Kunst-Avantgarde (zu der zweifellos auch Komponisten wie Cage gerechnet werden müssen).

Musiker wie Peter Brötzmann, Tony Oxley, Keith Rowe, Sven-Ake Johansson und eben auch Han Bennink waren und sind als als Graphiker, Maler, Bildhauer und/oder Lyriker tätig.

1967 gründeten Mengelberg, Bennink und der radikale Free-Saxophonist, Klarinettist und Komponist Willem Breuker die unabhängige Musiker-Kooperative und das Schallplattenlabel ICP (Instant Composers Pool). Die erste Platte war ein Breuker/Bennink – Duo. Breuker spaltete sich in den frühen 70er Jahren ab und ging mit seinem Willem Breuker Kollektief seinen eigenen Weg. (Vielleicht hat jemand, der das liest, Lust, seine Rolle näher zu beleuchten? Wäre sicher interessant; aber ich konnte mit seinen Sachen nie viel anfangen!)

Der Durchbruch zu einer radikalen, improvisierten Musik war da!

Quelle : differentperspectivesinmyroom.blogspot.com
Foto: Michael Hoefner
Foto: Jelmer de Haas | Quelle : fringearts.com

Han Bennink

Der Drummer Han Bennink spielt nicht nur auf fast allen ICP-Platten; er war von Anfang an auch ein Vermittler zwischen den teils doch sehr unterschiedlichen Strömungen innerhalb der neu entstandenen europäischen Free-Music.

Sein rollendes, schepperndes, dichtes, impulsives Spiel, sein Klangfarbenreichtum, sein enormer Drive, also seine typischen Markenzeichen (und ja, er ist auch ein toller Showman!); das ist nur die eine Seite. Er bezieht – wie fast jeder gute Improvisator – Pausen als musikalisches Gestaltungsmittel ein und lässt seinen Mitspielern Freiräume, indem er sich immer auch wieder zurücknimmt, kommentierend oder begleitend spielt.

In früheren Jahren erweiterte er seine Ausdrucksmöglichkeiten um Tabla und Congas ,Saxophon, Trompete, Violine und diverse Spielzeuge. Später beschränkte er sich auf das Drum-Kit und mittlerweile braucht er nur eine Snare („a snare and a chair“) und den Bühnenboden für seine ausserordentliche Trommelkunst. Immer ist er unverkennbar und einzigartig, eben Han Bennink!

Einepartietischtennis; FMP, 1974
Coincidents 1 & 2; ICP, 1976

Die beiden ICP-Platten Coincidents 1 und Coincidents 2 mit Live-Mitschnitten aus Holland von 1975/76 (zu finden auf der ICP-Orchestra-Bandcamp-Seite ) und die FMP-Platte Einepartietischtennis von 1974 geben hervorragend die Qualitäten des Duos Mengelberg-Bennink wieder.

Am besten lässt sich ihr sehr spezielles musikalisches Verhältnis mit Mengelberg’s eigenen Worten beschreiben:

„liebe Hörer und Hörerinnen eine Partie Tischtennis fand statt am 34 Mai im Zoopalast in Berlin. Die Spieler Helius Bennink und Magnus Mengelberg gestalten schon längere Zeit ein gefürchtetes Team, das momente superiorer ball behandlung abwechselt mit ärgerliches und blödes verfehlen – BAH! …“

(Ausschnitt aus dem Covertext von „Einepartietischtennis“)

„ Ich weiß nicht, was Bennink mit seiner Musik beabsichtigt, aber wenn unsere Mißverständnisse miteinander in Verbindung gebracht werden, so glauben wir, daß die Dinge manchmal zusammen passen und sich manchmal ergänzen. Vielleicht ist das ein Grund, Duo-Musik zu machen … „

(Zitat aus einem Interview von Derek Bailey mit Mengelberg in Derek Bailey – Kunst ohne Werk, Wolke-Verlag)

Mißverständnisse können also in der Improvisierten Musik durchaus zu produktiven, fruchtbaren Ergebnissen führen.

Tatsächlich gibt es in ihren Duos viele Passagen höchster Übereinstimmung, in denen die Interaktion zwischen Klavier und Schlagzeug so dicht ist, daß beide Instrumente zu einem zu verschmelzen scheinen (das sind diese Momente des „Abhebens“ oder des „Fliegens“); aber: ja, es gibt auch Phasen, in denen die extrem unterschiedlichen Temperamente der beiden nicht harmonieren. Übereinstimmungen gibt es außerdem wohl auch hinsichtlich des vollkommenen Desinteresses an irgendwelcher formalen Gestaltung ihrer Improvisationen und zum Teil wenigstens in Bezug auf das verwendete Material: In der hier besprochenen Phase ihres Duo-Spiels fällt eine außerordentliche Lust am Zitieren aller möglichen Musikstile; vorzugsweise der in der sogenannten „Freien Musik“ eher verpönten(!) auf. Abrupte Brüche sind gewollt. Repetitive Figuren und Riffs gehören zu ihren bevorzugten Stilmittelnund – nun ja – eine gewisse anarchische Lust an Provokation und Zerstörung kann man ihnen schon auch nicht absprechen.

Cecil Taylor’sche Cluster, Jazz-Balladen, Standards, Swing, Ragtime, Harlem-Stride-Piano, Walzer, Märsche,  Leierkasten-Melodien, simple Schlager; bei Mengelberg Anklänge an Thelonious Monk, Duke Ellington, Bud Powell, McCoy Tyner und auch an klassische und moderne Komponisten: Schubert, Brahms, Beethoven, Schönberg, Webern, bei Bennink Reminiszenzen an die grossen Swing – und Bebop-Drummer …

Das alles kann man als ziemlich harsch und respektlos empfinden; aber entscheidend ist dieser typisch holländische Humor und ihr sprühender, genialer Spielwitz. Die grottige Klangqualität der beiden Coincidents-Platten (es reichte wohl aus, daß ein billiger Kassettenrekor der irgendwo rumstand!) mindert den Hörgenuss übrigens nicht: Man fühlt sich irgendwie an alte Jelly-Roll Morton – oder Fats Waller Aufnahmen erinnert. Wer braucht hier schon Perfektion ?

Im folgenden Kapitel möchte ich auf einen Aspekt eingehen, der in der Rezension der Frei improvisierten Musik im allgemeinen kaum Beachtung findet, den ich aber sehr interessant finde.

Foto: Frans Schellenkens/Redferns | Quelle : gettyimages.com

Improvisierte Unterhaltungsmusik – (k)ein Widerspruch (?!)

Frei improvisierte Musik wird oft als elitär, zu speziell, um von der Masse der Musik-Konsumenten verstanden werden zu können, betrachtet. Das hat sicher verschiedene Gründe; einer davon ist wohl das Fehlen einer nachvollziehbaren Struktur, oft gar von Melodie, Rhythmus und/oder Harmonie.

Nun ist es aber so, daß einige der innovativsten Improvisatoren entweder zu Beginn ihrer musikalischen Laufbahn oder gar in einem Stadium, in dem sie schon lange ihre eigene Musik entwickelt hatten, Unterhaltungsmusik gespielt haben, u.a. Derek Bailey, Tony Oxley, Peter Brötzmann, Henry Kaiser und Han Bennink. Ihre „Akademien“ waren u.a. Music Halls, Pubs, Grand Hotels (in England), Musical-Theater, Clubs, Kneipen, kommerzielle Fernseh- und Radio-Shows. Sie spielten in kleinen Bands und/oder Big Bands und Orchestern Jazz als Entertainment und als Tanzmusik (Swing, Charleston, Jitterbug, Boogie Woogie, Dixieland), britische und amerikanische Hits, Hollywood-Melodien, Operetten-und Musical Melodien, populäre Folk-Tunes, Popmusik etc. Viele von ihnen haben sich später von diesem Musik-Verständnis anscheinend maximal entfernt und eine radikale, kollektive und individuelle Sprache entwickelt. Ich glaube aber, das sie trotz teilweise vehementer Abgrenzung in ihrer Improvisationspraxis einen Sinn für den Unterhaltungswert von Musik verinnerlicht und bewahrt haben . Natürlich verlangt ihre Musik ein genaues Zuhören, aber sie haben eine Intellektualisierung, die tödlichste Falle der Improvisierten Musik, stets vermieden. Gelungene Freie Improvisation ist niemals langweilig, selbstgefällig, abgehoben oder akademisch, sondern sie ist Unterhaltungsmusik im besten Sinne: Vorraussetzung ist die Fähigkeit, eine Improvisation spannend und interessant zu gestalten und das, was man vielleicht Intuition nennen kann, also die Bereitschaft, unterbewußte Prozesse mit einzubeziehen, sich dem Freien Fluß zu überlassen. Mengelberg und Bennink gingen noch einen anderen Weg: Sie bezogen Elemente der „leichten Musik“ bewußt (und für manch einen auch provokant!) in ihre Improvisationspraxis ein. Hier sehe ich auch wieder einen link zu Fluxus und Dada: Programm – und Bedeutungslosigkeit „bedeuten“ eben nicht Belanglosig – und Geistlosigkeit sondern genau das Gegenteil.

Midwoud77; ICP 013, 1977

Auf dem Cover eine bleiche Schwarz-Weiss-Fotografie eines schlanken Kirchturms. Zu lesen ist nur „Midwoud 77“. Wikipedia und ein Blick auf die Karte sagen mir, daß Midwoud ein Dorf in Noord-Holland ist. Eine seltsame Aufnahme ist das: der absolute Alptraum für Klangperfektionisten: Höhen und Bässe fehlen komplett, das Klavier klingt stumpf; das Schlagzeug blechern. Alles ist total übersteuert; die Tonhöhe schwankt beträchtlich.

Aber die Musik ist wunderbar transparent. Kaum noch Stil-Zitate gibt es hier. Mengelberg spielt äußerst reduziert, fast stoisch und zugleich technisch brilliant. Bennink setzt ungestümes Getrommel dagegen; er spielt auch Violine, Trompete und zu Beginn und am Ende fantastische Saxophon-Soli.

Die Mischung aus miteinander- und gegeneinander -spielen, dazu die seltsam entrückte Aura diesereigentlich unsäglichen Aufnahme: das alles macht diese Platte zu einem Hörerlebnis der ganz besonderen Art!

3 points and a mountain – Brötzmann, Mengelberg & Bennink; FMP, 1979

Han Bennink und der schon erwähnte Saxophon – und Klarinetten – Berserker Peter Brötzmann spielen zum Zeitpunkt dieser Aufnahme schon 11 Jahre zusammen; in Brötzmann’s Machine Gun Octet, im Trio mit dem belgischen Pianisten Fred Van Hove, im Duo und sogar mit Kindern.

Nach mehrmaligem Anhören dieser Trio-Platte musste ich feststellen, daß sich die Musik dieser Session auf keinen Punkt bringen lässt. Es ist Improvisierte Musik, die sich per se jeder Beschreibung widersetzt: Glaubt man in einem Moment, daß die Musiker dieses oder jenes machen, ist es kurze Zeit später genau das Gegenteil! Ich glaube aber, daß Humor der rote Faden ist, der diese Musik durchzieht; eine gewisse Infantilität auch. Es geht nicht darum irgendwelche virtuose Instrumentenbeherrschung zu demonstrieren, sondern um etwas viel Sinnvolleres: um eine Haltung bzw. Kunstauffassung, auf deren Grundlage man sich verständigen kann; inklusive der Möglichkeit von Mißverständnissen. Zu dieser Auffassung kann auch ein bewusstes Ignorieren des erlernten, antrainierten Umgangs mit dem Instrument gehören; so zu tun, als würde man es quasi zum ersten Mal spielen und auch die Erweiterung des Spektrums um Instrumente, die man eigentlich nicht beherrscht, sondern als zusätzliche Materialien zur Klangerzeugung nutzt. Han Bennink’s Violine-Spiel kann man so interpretieren. Mengelberg lässt das Klavier über weite Strecken schweigen und krächzt, murmelt, erzeugt phonetische Laute ganz im Sinne des Dadaismus. Brötzmann spielt seine Instrumente ohnehin entgegen jedweder Konventionen.

Im Titelstück gibt es eine Passage, in der Klarinette, Klavier und Schlagzeug sich in einer dramaturgischen Glanzleistung in schwindelerregende Höhen schrauben; wenige Momente später herrscht dann wieder völlige Richtungslosigkeit und Offenheit. Puh, schwieriger Kram!

(Das Geschriebene bezieht sich auf die Original-LP. Die Bandcamp–Version enthält 30 Minuten zusätzliches Material, das ich nicht gehört habe!)

MIHA; ICP, 1997

MIHA enthält zwei lange Duo-Improvisationen; live eingespielt in Amsterdam und Leeuwarden. Die Klangqualität ist einwandfrei.

Vor allem der Leeuwarden-Mitschnitt zeigt deutliche Entwicklungen: Mengelberg und Bennink nutzen Pausen und Stille als musikalische Gestaltungsmittel. Ihr Zusammenspiel ist von einer Klarheit und Präzision, die nur möglich ist, wenn Musiker über einen langen Zeitraum miteinander improvisiert haben. Trotz aller Unterschiedlichkeit in ihrem Vokabular kommen sie immer schnell auf den Punkt. Bennink beschränkt sich auf das Drum-Kit (abgesehen von ein paar Mundharmonika-Einlagen), er bevorzugt Besen-Spiel; seine Technik ist phänomenal. Mengelberg’s Klavier-spiel ist streng und hochkonzentriert. Stilistische Referenzen sind allenfalls versteckt angedeutet.

Foto: Francesca Patella | Quelle : europejazz.net

Bospaadje Konijnenhol 1 &
Bospaadje Konijnenhol 2; ICP – Orchestra, 1990

In einem Artikel über Mengelberg und Bennink darf natürlich das ICP-Orchestra nicht unerwähnt bleiben.

Besetzt mit zwei bis drei Holzbläsern (Saxophon und Klarinette), einem Posaunisten, einem Trompeter, drei Streichern (Violine, Cello, Kontrabass), Klavier und Schlagzeug ist es eine Kombination aus Big-Band, Kammerorchester und improvisierendem Groß-Ensemble.

Die Musik unterscheidet sich fundamental von der vollkommen improvisierten des Duos. Es sind entweder Kompositionen Mengelberg’s, die er konventionell notiert hat oder Bearbeitungen und Arrangements seiner musikalischen Vorbilder Duke Ellington, Thelonious Monk und Herbie Nichols.

Die Besetzung ist, von wenigen Umbesetzungen abgesehen, seit der Gründung weitgehend konstant; so daß Mengelberg, ganz in der Tradition von Duke Ellington und Charles Mingus, seine Kompositionen ganz speziell für die Musiker, – allesamt starke, höchst individuelle Solistenund Improvisatoren – schreiben konnte, die wiederum mit seiner Methodik und seiner Philosophie bestens vertraut waren und sind! Die Arrangements sind durchweg sauber gespielt, dennoch unterscheidet etwas das ICP-Orchestra deutlich von konventionellen Big-Bands: die Musiker haben innerhalb der Arrangements alle Freiheiten; sie sind nicht an Harmonieschemen gebunden; jedoch bleibt ein Bezug zum Thema bzw. zur kompositorischen Idee stets erhalten. Insofern sind sie Ausführende der Vorstellung des Komponisten; dennoch behält die Musik immer das improvisatorische Moment und eine erfrischende Spontaneität.

Herausragende Solisten sind – neben Mengelberg und Bennink – Michael Moore (Tenorsax und Klarinette), ein ausgesprochener Melodiker, Ab Baars (Tenor-Sax), Wolter Wierbos (Posaune) und Ernst Reijseger (Cello).

Bospaadje Konijnenhol 1 bietet mit dem Ellington Mix eine Auseinandersetzung mit der Tradition. Der zweite Teil ist die Mengelberg – Suite De purpuren Sofa mit ihrer Mischung aus kammermusikalischen Sätzen und frei-eruptiven Ausbrüchen von Posaune und Schlagzeug.

Bospaadje Konijnenhol 2 enthält nur Mengelberg-Kompositionen; durchweg kurze Stücke, denen entweder einfache melodische und rhythmische Themen und Motive, bestimmte Klang- und Geräuschparameter oder manchmal auch gar keine konkreten Ideen zugrundeliegen. Nicht alles davon ist interessant, aber es gibt ein paar sehr starke Tracks wie z.B. Kraaloog: Bennink trommelt den Rhythmus vor; die Band steigt mit markanten, schrägen Riffs ein, die sich durch das ganze Stück ziehen und es zu einer veritablen Swing-Nummer in bester Count Basie-Tradition machen. Bald setzt Ab Baars mit einem dissonanten, frenetisch hupenden Tenorsaxophon-Solo ein, unterfüttert von Mengelberg’s atonalem Klavierspiel. Die maschinenhaft swingenden Riffs kippen immer wieder in kaskadenartige, kollektive Ausbrüche, bevor sie dann wieder aufgenommen werden. So wird auf geniale Weise eine permanente Reibung erzeugt; eine stetige Spannung zwischen Struktur und Auflösung.

Das ICP-Orchestra mit Han Bennink existiert weiterhin, auch nach Mengelberg’s Tod 2017.

Bei Interesse an den Original LP`s und CD`s der erwähnten Musiker bietet u.a. das Portal DISCOGS einen guten Überblick.

Hier noch zwei You Tube–Videos des Mengelberg/Bennink-Duos: Das erste enthält keine Zeit-Angabe; vermutlich Mitte 70er Jahre. Das Zweite ist ein Ausschnitt aus einem Konzert des ICP-Orchestra in Philadelphia in 2011.