Henry Kaiser – Portrait

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joergkoenig1 (ät) gmx.net
Datum
04´21
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Lektorin
cHRISTIANEb

HENRY KAISER

„If it`s not fun, why do it ?“ (Cecil Taylor)

 

Henry Kaiser and Derek Bailey Quelle: www.henrykaiserguitar.com / Innerviews/Henry Kaiser-Clouds of colored light


Der kalifornische Gitarrist, Filmproduzent und wissenschaftliche Meerestaucher HENRY KAISER

Der 1952 in Oakland , Kalifornien geborene Henry Kaiser ist einer der interessantesten, schillerndsten Protagonisten der zeitgenössischen Improvisationsmusik. Sein Zugang zur Musik ist ein völlig un-akademischer.

Er kaufte sich 1971 seine erste Gitarre exakt an dem Tag, nachdem er ein Konzert von Captain Beefheart and The Magic Band, damals in ihrer wildesten und progressivsten Phase, gehört hatte und begann zu Schallplatten, darunter die legendäre TAUHID von Pharoah Sanders mit dem Gitarristen Sonny Sharrock, Sounds (z.B.Rückkopplungen, eine Spezialität von ihm), zu machen. Mit Mitgliedern der Magic Band wie dem Schlagzeuger John French arbeitete er später intensiv zusammen.

In den späten 60ern hörte er die Musik der ersten Generation von freien Improvisationsmusikern wie Derek Bailey, Evan Parker, John Stevens, Han Bennink u.a., die, meist vom Jazz kommend, neue Formen freier Gruppenimprovisation entwickelten. Besonders das Spiel des Gitarristen Derek Bailey war für ihn, wie für so viele andere, eine Initialzündung. Später, Mitte der 70er, war er ein anerkannter und geschätzter Mitspieler besonders in der britischen Improv-Szene. Bailey wurde sein Mentor und enger Freund; beider Verhältnis zueinander war von großer Wertschätzung geprägt. Spät – in den 90ern – begannen sie allerdings erst Duo zu spielen und nahmen die CD Wireforks auf, wie einige andere Aufnahmen, auf die ich später im Text hinweisen werde. 


Henry Kaiser
betrachtet Melodie, Harmonie und Rhythmus als untergeordnete musikalische Kategorien; wichtiger sind für ihn Timbre (Klangfarbe, Tonumfang), Raum und Dynamik sowie unterbewusste, psychedelisch-visuelle Vorgänge (Er nahm niemals Drogen!). Er ist ein unermüdlicher Entdecker, der die verschiedensten musikalischen Sprachen und Dialekte, von Blues, Folk, Free Jazz, Fusion Jazz, Noise, Minimal Music (besonders Terry Riley (hier in einem Interview mit Henry Kaiser)), Neuer komponierter Musik bis zu Psychedelic-und Progressive Rock und klassischer und zeitgenössischer Musik aus Madagaskar, Korea, Japan, Indien, Pakistan und Norwegen in seinen musikalischen Kosmos transformiert.

"Invite the spirit 1983", Sang Won Park, Charles K. Noyes, Henry Kaiser Quelle: iMusic

Eine seiner frühen Gruppen hieß Invite the Spirit; ein Trio mit Sang Won Park, einem traditionellen koreanischen Kayagum (korean. Saiteninstrument) – Tanso (korean.Traversflöte) – Spieler und Sängerund dem Perkussionisten Charles K.Noyes, einem Vertreter der New Yorker Downtown-Avantgarde der späten 70er und 80er. Ihr 1983 aufgenommenes Doppelalbum Invite the Spirit, ist ein Meilenstein der improvisierten Musik. Es ist Musik von höchster Klarheit und Transparenz. Es gibt keinerlei „Perfektion“, keine erwartbaren stereotypen Reaktionsmuster, nur drei höchst unterschiedliche Musiker, die sich mit großem Respekt und offenen Ohren improvisatorisch einander annähern. Ein für den Hörer spannender, immer nachvollziehbarer Prozess und eine Aufnahme von außergewöhnlich guter Klangqualität.

1991 bereiste Kaiser mit dem bekannten kalifornischen Slide-Guitar-Virtuosen und Geiger David Lindley  Madagaskar, um mit dortigen Roots-(und zeitgenössischen) Musikern zu spielen und zwei Platten aufzunehmen. Später bereisten sie mit dem gleichen Konzept Norwegen, woraus ebenfalls eine CD: Sweet Sunny North, entstand. Er freundete sich auch mit dem berühmten,von ihm bewunderten Folkrock-Sänger und Gitarristen Richard Thompson (Fairport Convention) an und gründete mit ihm, Fred Frith und John French ein Quartett, das mehrere Platten veröffentlichte, die ziemlich erfolgreich wurden. In dieser Zeit bewies Henry Kaiser, dass er sein Gitarrespiel sehrwohl auch songdienlich einsetzen konnte, was besonders gut auf dem Doppelalbum Heart`s Desire der Henry Kaiser Band zur Geltung kommt, die hauptsächlich Coverversionen von Grateful Dead, The Band, Neil Young, Jimi Hendrix und anderen enthält.  Mit dieser Musik erreichte Kaiser ein wesentlich größeres Publikum. Man darf diese Phase aber nicht als Anbiederung an den Mainstram vertehen (was er komplett ablehnen würde), sondern als Ausdruck seiner unendlichen Entdeckerfreude.


Seine unzähligen Projekte hier aufzuzählen wäre unmöglich; zu erwähnen wäre noch Yo Miles!, seine seit mehreren Jahren währende Zusammenarbeit mit dem Trompeter Wadada Leo Smith, einem weiteren Vordenker einer globalen, grenzenlosen Improvisationsmusik. Hier zelebrieren sie Miles Davis’ elektrische Phase der 70er (CD: Yo Miles! Lightning).

Seit Mitte der 90er spielt H.K. wieder hauptsächlich frei improvisierte Musik. Nach einer langen Phase des Experimentierens mit digitalen Erweiterungen des Gitarrespiels nutzt er auch wieder den intimeren Klang von akustischen Gitarren: CD-Tip: The Seance, Miya Masaoka (Koto), Danielle DeGrutolla (Cello), ebenfalls auf Bandcamp. Neben Quartett-und Triobesetzungen mag er auch besonders das Duo-Spiel (nicht nur, aber vor allem mit Gitarristen-Kollegen). Nicht zuletzt ist er ein unglaublich einfallsreicher Solo-Spieler.
Mein Favorit ist die CD Nazca Lines (Bandcamp); hier untersucht er die Möglichkeiten des kurzen Gitarren-Solos: 26 Stücke gespielt auf 18! verschiedenen Akustik-Gitarren.

Mehrere seiner Solo-Aufnahmen sind von einer Region inspiriert, die kaum einem Normal-Sterblichen zugänglich ist: der Welt unter dem Eis des antarktischen Ross-Meeres (CD-Tip: The Deep Unreal von 2017, ebenfalls zu finden auf Bandcamp.) Und hier verbinden sich seine musikalischen Aktivitäten mit zwei anderen, für ihn selbst genauso wichtigen Aspekten seines unermüdlichen Wirkens: Er hat eine lange Karriere als Filmdirektor und Filmproduzent für wissenschaftliche Dokumentationen und als Filmmusik-Komponist; zudem ist er seit seiner frühen Jugend Taucherund war mehrere Jahre Lehrer für wissenschaftliche Unterwasserforschung an der California University of Berkeley.

Henry Kaiser & Wadada Leo Smith, Quelle: Jazz Times

Henry Kaiser Antarktis-Videos.


Seit 2001 ist er Teilnehmer des U.S.Antarctic Program. Er hat u.a.mehrere wissenschaftliche Tauchungen unter dem Eis des Ross-Meeres absolviert, die er mit einer Unterwasserkamera dokumentiert hat. Das dabei entstandene Filmmaterial hat er auch dem mit ihm befreundeten Regisseur Werner Herzog für dessen Film Encounters at the end oft he world (deutsche Fassung: Begegnungen am Ende der Welt), einer faszinierenden Dokumentation über die Forscher der amerikanischen McMurdo Station in der Antarktis zur Verfügung gestellt. Der Produzent des Films ist Henry Kaiser, die Filmmusik stammt ebenfalls von ihm und – hier schließt sich wieder ein Kreis – David Lindley.


Ich habe Henry Kaiser einmal vor vielen Jahren bei einem Festival in Göttingen live erlebt: Er sollte mit seinem großen Idol und Freund Derek Bailey spielen, der allerdings krankheitsbedingt absagen musste. Stattdessen spielte er, spürbar enttäuscht, ein kurzes Solo-Set, bei dem ihm auch noch zwei Saiten rissen. Am nächsten Tag spielte er im Trio mit Fred Frith (Gitarre)und dem Aachener Schlagzeuger Paul Lovens.

Henry Kaiser, ein für mich immer faszinierender Quell der Inspiration !

Weitere CD-Tipps

  • bandcamp
  • Above Protocol – Duos mit dem italienischen Percussionisten Andrea Centazzo
  • Mudang Rock – Sehr energetische Improv, etwas gewöhnungsbedürftig; virtuos-melodisches Saxophon, extrem freakige Gitarre Rudresh Mahantrappa (sax) Bill Laswell (Bass) Simon Barker (drums)
  • The Starbreak Splatterlight – Kaiser hier auch am Bass, dazu Klavier und zwei Schlagzeuger
  • Fan the Hammer – Duos mit Damon Smith (Kontrabass)
  • Im Gedenken an den verstorbenen großartigen britischen Gitarristen John Russell

    CD
    „The Dukes of Bedford“
    mit
    John Russell,  Ray Russell,  Henry Kaiser (Gitarren), Olle Brice (Kontrabass)
 
 

Filme von und mit Henry Kaiser

Henry Kaiser Antarktis-Videos.

Werner Herzog – Antarktis-Dokumentation
Encounters at the end of the world (Engl.Version)